Laura Rivas Gagliardi

Literaturwissenschaftlerin, Romanistin

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Ich arbeite vergleichend zu den französisch-, spanisch- und portugiesischsprachigen Literaturen vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. In Forschung und Lehre beschäftige ich mich mit weiblicher Autorschaft, mit Erzähltheorie und mit dem Realismus in Brasilien, Frankreich und Spanien, stets aus der Perspektive einer Sozialgeschichte der literarischen Formen. Daneben gelten meine Interessen der Literaturgeschichtsschreibung des 19. und der Literaturkritik des 20. Jahrhunderts. In der Archivarbeit an mehrsprachigen Nachlässen gehe ich dem Wissenstransfer zwischen der deutschsprachigen und der romanischen Welt nach. Zurzeit bin ich Gastwissenschaftlerin am Portugiesisch-Brasilianischen Institut der Universität zu Köln, wo ich meine Habilitation vorbereite.

Mein Habilitationsprojekt trägt den Arbeitstitel Licentia. Weibliche Rede und kritisches Wissen bei Marguerite de Navarre und María de Zayas. Darin untersuche ich die großen von Frauen verfassten Novellensammlungen der romanischen Frühen Neuzeit. Besondere Aufmerksamkeit gilt den Räumen, in denen Frauen erzählen und urteilen: dem cadre des Heptaméron und dem sarao der Zayas. Der Titelbegriff hat eine doppelte Geschichte: In der rhetorischen Tradition bezeichnet licentia die Freiheit, vor denen zu sprechen, die man verehren oder fürchten muss; im Alltag der Frühen Neuzeit ist licencia die Erlaubnis, die Untergebene jeder Art bei ihren Oberen einzuholen hatten — und eine Frau war fast immer jemandes Untergebene. Zwischen diesen beiden Bedeutungen liegt meine Frage: Wer darf das Wort ergreifen, vor wem, und mit welchem Anspruch auf Wahrheit? Was aus solchen Räumen wird, wenn der Roman des 19. Jahrhunderts sie neu besetzt, nun als Salon oder als tertulia, beschäftigt mich in meinen Lehrveranstaltungen und in Aufsätzen zu Frauenfiguren.

Von 2021 bis 2024 leitete ich an der Universität zu Köln ein von der DFG gefördertes Forschungsprojekt auf eigener Stelle, das der kritischen Methode von Mário de Andrade, Antonio Candido und Roberto Schwarz galt. Mich interessierte, wie in Brasilien eine Kritik entstanden ist, die die literarische Form als gesellschaftlichen Prozess liest. Aus dem Projekt sind die von mir herausgegebene deutsche Ausgabe von Roberto Schwarz’ Ein Meister an der Peripherie des Kapitalismus und der von mir mitherausgegebene Band Roberto Schwarz Beyond Borders hervorgegangen.

Aus dieser Arbeit wiederum ist meine Beschäftigung mit dem Literaturwissenschaftler Anatol Rosenfeld erwachsen: in Berlin ausgebildet, wurde er in São Paulo zu einer zentralen Figur der brasilianischen Kritik. Ich lese ihn aus komparatistischer Perspektive neu, auf der Grundlage seiner Archive in der Casa do Povo in São Paulo und in Deutschland. Auf diesem Weg habe ich eine Kollegin Rosenfelds entdeckt: die deutsche Soziologin Irmgard Lang, eine von der Forschung bis dahin vollständig übergangene Brasilienforscherin. Ihren Werdegang und ihr Werk konnte ich im Universitätsarchiv Mainz und im Bundesarchiv Koblenz erstmals rekonstruieren.

Meine Promotion untersucht das literaturpolitische Projekt des Wiener Romanisten Ferdinand Wolf, dessen Le Brésil littéraire 1863 als erste Geschichte der brasilianischen Literatur erschien: auf Deutsch verfasst, auf Französisch gedruckt. In Wolfenbüttel, Wien und Rio de Janeiro habe ich die Dokumente zu seiner Entstehung aufgefunden und ediert. Sie widerlegen den brasilianischen Konsens, das Buch sei eine Auftragsarbeit Kaiser Pedros II. gewesen, und zeigen stattdessen, wie die brasilianische Literatur in das habsburgische Projekt kolonialer Expansion eingegliedert wird.

Ich habe in São Paulo und in Berlin studiert: Portugiesische und Französische Philologie an der Universität von São Paulo, danach Angewandte Literaturwissenschaft und die Promotion (2019) an der Freien Universität Berlin. Als Postdoktorandin forschte ich am Institute of Latin American Studies in London und an der Universität von São Paulo, bevor ich 2021 meine Stelle an der Universität zu Köln antrat.

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