Le Brésil littéraire (1863) von Ferdinand Wolf
Freie Universität Berlin, 2014–2019
Literaturgeschichte und Ideologie im 19. Jahrhundert: Dieses Forschungsprojekt befasst sich mit der Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte von Le Brésil littéraire: histoire de la littérature brésilienne (1863). Diese erste Literaturgeschichte Brasiliens wurde von dem Romanisten und Beamten bei der kaiserl. kgl. Hofbibliothek Ferdinand Wolf (Wien, 1796–1866) auf Deutsch verfasst, es erschien jedoch nur in französischer Übersetzung. Im Zentrum steht hier der philologische Vergleich des nie gedruckten deutschsprachigen Manuskripts „Geschichte der brasilianischen Nationalliteratur” mit der Übersetzung.
Im Vergleich werden die Unterschiede zwischen beiden Fassungen und zwischen den jeweiligen Paradigmen, die ihnen zugrunde liegen, nachvollziehbar: Im deutschen Text lässt sich Wolfs literaturpolitisches Projekt hinsichtlich der Vorherrschaft des „deutschen Geistes” und der Habsburger Monarchie eindeutig identifizieren, während dies im französischen Text entscheidend abgemildert wird. Die bewusste Aufhebung bestimmter Begriffe und die Einführung von Vokabeln einer von der Französischen Revolution geleiteten emanzipatorischen Denktradition beeinträchtigt im erschienenen Buch die Kohärenz von Wolfs Geschichtsauffassung, welche mit Sprache und Denken des Deutschen Idealismus operiert.
Darüber hinaus offenbart Wolfs Korrespondenz mit brasilianischen Gelehrten im Dienst des Kaisers Pedro II., wie sie die Entstehung des Buches mitbestimmten. Hauptanliegen Pedros II. war es, eine kulturpolitische Agenda für die Beibehaltung der Monarchie und der Einheit des Landes umzusetzen. Es ging vor allem darum, die Vergangenheit, insbesondere die Kolonialgeschichte, aus einer bestimmten Perspektive zu erzählen. Le Brésil littéraire entstand also im Zeichen der ideologischen Ansprüche einer transnationalen Elite: Die (Literatur-)Geschichtsschreibung wird hier als wertvolles Werkzeug eingesetzt, um eine Vergangenheit zu konstruieren und sie als einzige Wahrheit zu verbreiten. Doch die Analyse der diskursiven Verkehrung der tatsächlichen Verhältnisse zeigt, wie diese dazu dienen können, die eigene Herrschaftsposition zu begründen und zu festigen. Der archiv- und materialgeschichtliche Zugriff erlaubt es schließlich, eine Sammlung von bis jetzt unveröffentlichten Materialien und ihrer Transkriptionen zur Verfügung zu stellen.
Betreuung: Prof. Dr. Susanne Zepp; Prof. Dr. Joachim Küpper
Fach: Romanische Philologie
Förderung: Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien
Veröffentlichungen
- Literaturgeschichte und Ideologie: Ferdinand Wolfs literaturpolitisches Projekt «Le Brésil littéraire»
- Transnationally Forged Nationality
Lehrveranstaltung
- SoSe 2020, Hauptseminar: História literária e ideologia no século XIX (USP)